Übersetzungsqualität prüfen: Eine Checkliste für Auftraggeber
Eine vertauschte Ziffer, ein fehlender Absatz oder ein uneinheitlicher Produktname kann eine Übersetzung unbrauchbar machen – selbst wenn sie auf den ersten Blick flüssig klingt. Wer die Übersetzungsqualität prüfen möchte, braucht deshalb einen systematischen Blick auf Inhalt, Sprache und die spätere Verwendung. Viele formale Punkte können Auftraggeber selbst kontrollieren. Ob die Bedeutung vollständig und treffend übertragen wurde, erfordert dagegen sichere Kenntnisse beider Sprachen und des jeweiligen Fachgebiets.
Vor der Prüfung: Den Maßstab festlegen
Legen Sie den Ausgangstext und die gelieferte Übersetzung nebeneinander. Prüfen Sie zuerst, ob beide Dateien zur gleichen Version gehören. Wurde das deutsche Original während der Bearbeitung geändert, können vermeintliche Übersetzungsfehler tatsächlich auf unterschiedliche Textstände zurückgehen.
Halten Sie außerdem die vereinbarten Anforderungen bereit:
- Für wen ist der Text bestimmt?
- Wo wird er eingesetzt: intern, auf einer Website oder in gedruckten Unterlagen?
- Ist britisches oder amerikanisches Englisch gewünscht?
- Welche Fachbegriffe, Produktnamen und Schreibweisen sind vorgegeben?
- Welche Bestandteile sollten übersetzt werden, welche ausdrücklich unverändert bleiben?
Diese Angaben machen die Beurteilung nachvollziehbar. Ein Text für Fachleute darf beispielsweise Begriffe voraussetzen, die in einer Kundenbroschüre erklärt werden müssten.
Die Checkliste für Ihre Übersetzungsprüfung
1. Vollständigkeit: Ist alles enthalten?
Gehen Sie das Dokument Abschnitt für Abschnitt durch. Achten Sie besonders auf Inhalte, die außerhalb des gewöhnlichen Fließtextes stehen.
- Alle vereinbarten Überschriften, Absätze und Aufzählungen sind vorhanden.
- Tabellen, Bildbeschriftungen, Fußnoten sowie Kopf- und Fußzeilen wurden berücksichtigt.
- Es gibt keine versehentlich stehen gebliebenen deutschen Textstellen oder Platzhalter.
Gleiche Vollständigkeit bedeutet nicht gleiche Wortzahl. Eine englische Übersetzung kann kürzer oder länger sein als das deutsche Original. Auch Satzgrenzen können sich verändern. Entscheidend ist, ob die Informationen erhalten bleiben.
Ohne ausreichende Englischkenntnisse können Sie die strukturelle Vollständigkeit kontrollieren. Ob innerhalb eines Absatzes eine Einschränkung oder ein Nebensatz fehlt, muss gegebenenfalls eine sprachkundige Person prüfen.
2. Zahlen, Daten und Einheiten: Stimmen die Werte?
Zahlen lassen sich meist unmittelbar mit dem Original vergleichen. Kontrollieren Sie sie einzeln, insbesondere in Tabellen und wiederkehrenden Angaben.
- Beträge, Mengen, Prozentwerte, Vorzeichen und Wertebereiche stimmen überein.
- Datumsangaben und Uhrzeiten sind eindeutig und entsprechen dem Original.
- Maßeinheiten und Währungen wurden korrekt übernommen oder wie vereinbart angepasst.
Bei Englisch-Übersetzungen verdienen Dezimal- und Tausendertrennzeichen besondere Aufmerksamkeit. Der deutsche Wert „1.250,75“ wird im englischen Fließtext üblicherweise als „1,250.75“ geschrieben. Die Darstellung verändert sich, der Wert bleibt gleich.
Ein Datum wie „04/05/2026“ ist ohne festgelegtes Datumsformat mehrdeutig. Eine ausgeschriebene Monatsangabe kann solche Unklarheiten vermeiden. Falls Einheiten umgerechnet werden sollen, kontrollieren Sie zusätzlich den Rechenwert und die vereinbarte Rundung.
3. Namen und Kennzeichnungen: Sind sie eindeutig?
Bei Namen und Identifikationsnummern können kleine Abweichungen erhebliche Verwirrung verursachen.
- Personen-, Unternehmens- und Produktnamen entsprechen den freigegebenen Schreibweisen.
- Artikelnummern, Dokumentnummern und andere Kennzeichnungen wurden korrekt übertragen.
- Abkürzungen und offizielle englische Bezeichnungen werden nachvollziehbar verwendet.
Nicht jede Bezeichnung muss unverändert bleiben. Eine Organisation kann beispielsweise einen offiziellen englischen Namen haben. Prüfen Sie deshalb gegen die bereitgestellten Referenzen und fragen Sie bei ungeklärten Varianten nach.
Achten Sie auch auf die Zuordnung: Steht die richtige Artikelnummer neben dem richtigen Produkt? Eine korrekte Nummer in der falschen Tabellenzeile ist ebenfalls ein Fehler.
4. Terminologie: Werden Begriffe konsistent verwendet?
Fachbegriffe sollten zum Sachgebiet und zu Ihrem Unternehmen passen. Nutzen Sie zur Kontrolle ein freigegebenes Glossar oder bereits geprüfte Referenztexte.
- Die vereinbarten Fachbegriffe werden eingehalten.
- Dasselbe Bauteil, dieselbe Funktion oder dieselbe Leistung wird konsistent bezeichnet.
- Unterschiedliche Konzepte bleiben sprachlich unterscheidbar.
Konsistenz richtet sich nach der Bedeutung. Ein deutsches Wort kann je nach Zusammenhang verschiedene englische Entsprechungen benötigen. Umgekehrt kann ein willkürlicher Wechsel zwischen mehreren Benennungen den Eindruck erwecken, es seien unterschiedliche Bauteile gemeint.
Als Auftraggeber kennen Sie Ihre Produkte und Abläufe. Ob ein englischer Fachbegriff im konkreten Zusammenhang üblich und korrekt ist, sollte bei Unsicherheit jemand mit entsprechender Sprach- und Fachkompetenz beurteilen.
5. Verständlichkeit: Erfüllt der Text seinen Zweck?
Lesen Sie die Übersetzung einmal ohne das Original, sofern Ihre Englischkenntnisse dafür ausreichen. So fallen unklare Bezüge und schwer verständliche Formulierungen leichter auf.
- Es ist verständlich, wer was tun soll und unter welchen Bedingungen.
- Ton und Wortwahl passen zur Zielgruppe und zum Verwendungszweck.
- Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen der vereinbarten englischen Sprachvariante.
Eine Anleitung sollte Handlungsschritte eindeutig vermitteln. Eine Unternehmensvorstellung sollte natürlich und zusammenhängend wirken. Bei beiden Textarten darf sprachliche Glätte die Bedeutung nicht verändern.
Wenn Sie eine Formulierung nicht sicher beurteilen können, markieren Sie Ihre Frage. Eine ungewohnte Wendung ist allein noch kein Beleg für einen Fehler.
6. Darstellung: Funktioniert die fertige Datei?
Kontrollieren Sie auch die Fassung, die tatsächlich veröffentlicht oder verschickt werden soll.
- Text wird in Tabellen, Schaltflächen und Grafiken vollständig angezeigt.
- Überschriften, Beschriftungen und Verweise sind richtig zugeordnet.
- Es sind keine unbeabsichtigten Kommentare, Änderungsmarkierungen oder Bearbeitungshinweise enthalten.
Ein inhaltlich korrekter Text kann beim Einfügen in ein Layout abgeschnitten werden. Deshalb gehört die Kontrolle der fertigen Ausgabe zur Freigabe.
Welche Aspekte erfordern eine fachkundige Prüfung?
Wer eine gute Übersetzung erkennen möchte, muss über die sichtbaren Merkmale hinausgehen. Ein grammatisch korrekter Satz kann eine Aussage abschwächen, eine Bedingung verändern oder eine Verneinung übersehen.
Eine fachkundige Prüfung vergleicht Ausgangs- und Zieltext insbesondere auf:
- erhaltene Bedeutung, einschließlich Bedingungen, Ausnahmen und Einschränkungen;
- fehlende oder unbeabsichtigt hinzugefügte Informationen;
- fachlich passende Terminologie;
- natürliche, zielgruppengerechte Formulierungen.
Für wichtige Texte ist eine zusätzliche Prüfung durch eine zweite qualifizierte Person sinnvoll. Auch der BDÜ erläutert in seinen Hinweisen zur Auftragsvergabe an Übersetzer die Kontrolle nach dem Vier-Augen-Prinzip.
Klären Sie dabei den Prüfungsumfang: Ein Korrektorat des englischen Textes konzentriert sich auf sprachliche Fehler. Eine zweisprachige Revision gleicht die Übersetzung zusätzlich mit dem Original ab. Die prüfende Person sollte beide Sprachen und das Fachgebiet sicher beherrschen.
Automatische Rechtschreibprüfungen können diese Arbeit unterstützen. Auch eine maschinelle Rückübersetzung kann Fragen aufwerfen. Beides reicht für eine verlässliche Qualitätsfreigabe allein nicht aus.
Auffälligkeiten präzise zurückmelden
Sammeln Sie Ihre Anmerkungen in einer kommentierten Datei oder einer übersichtlichen Liste. Nennen Sie die Fundstelle, beschreiben Sie die Auffälligkeit und geben Sie bei Bedarf die verbindliche Referenz an.
Eine hilfreiche Rückmeldung lautet beispielsweise:
„Tabelle 2, dritte Zeile: Im Original steht die Artikelnummer 4718, in der Übersetzung 4781. Bitte prüfen und korrigieren.“
Bei Terminologiefragen können Sie auf das freigegebene Glossar verweisen. Kennzeichnen Sie persönliche Stilwünsche als solche, damit sie sich von inhaltlichen Fehlern unterscheiden lassen.
Lassen Sie die Änderungen anschließend in einer eindeutig bezeichneten Endfassung zusammenführen. Prüfen Sie korrigierte Werte und betroffene Textstellen erneut; bei wiederkehrenden Fehlern auch vergleichbare Stellen im Dokument. Geben Sie schließlich genau die Datei frei, die verwendet werden soll. So verbindet Ihre eigene Checkliste die Kontrolle der Geschäftsdaten mit der sprachlichen Prüfung durch qualifizierte Fachleute.